Reviews
Sunny Side Up
Der Schotte Paolo Nutini gilt als ganz besonderes, einzigartiges Talent. Das beweist er nachdrücklich mit seinem zweiten Album "Sunny Side Up". Nach wie vor findet sich viel Pop-Eingängigkeit auf allen Songs - doch wie er es umsetzt und dem Ganzen eine große Seele gibt!
Gewitzt pickt sich Paolo aus der Bibliothek der populären Musik allerlei Stil-Bestseller heraus. Doch er liest nicht nur, er schreibt um; ja, oft verbessert und korrigiert er mit sicherem Griff. Das beweist schon zu Beginn der Opener "10 / 10" mit seinem (musikalisch) ansteckend heiteren und leichten Karibik-Feeling pur. Oftmals verkommen Reggae-Elemente als bloße, oberflächliche Sound-Spielerei mit seichten Resultaten. Doch Nutini weiß um tatsächlich beseelten Umgang.
"Coming Up Easy" lockt mit im Hintergrund schwellender Orgel und versteckter Trompete. Nutinis Vokalarbeit macht nicht nur hier noch immer staunen: Mit einer kratzigen, scheinbar jahrzehntelang lebens- und kneipenerfahrenen Stimme gesegnet, macht er so manch gestandenem Kollegen in Sachen Atmosphäre und Glaubwürdigkeit eine ganze Menge vor.
"Growing Up Beside You" liefert mit akustischer Gitarre und Akkordeon eine feine Stimmungs-Beschreibung. Auf voller Albenlänge überzeugend: Nutinis Begleitband The Vipers. Denn die wissen, wie sie zuzubeißen haben.
"Candy" tänzelt als klassisch getragener Midtempo-Rocker, mit wehmütig-sehnsüchtigem Song-Konstrukt. Handgemachte Lust an Musik pur bietet "Pencil Full Of Lead". Dieser herrlich verschroben inszenierte Jazz-Jive gefällt mit seinem Rumpelschlagzeug und einer liebenswerten Hinterhof-Trompete.
Die lebensnahe Daseins-Moritat "Simple Things" unterhält mit lebendigem Mundharmonikaspiel und ist besonders mit seinen stetigen Rhythmuswechseln ein saustarker, mitreißend ausgeführter Song. Der "Worried Man" punktet erneut mit aussagekräftigen Lyrics und verbreitet eine klagende, melancholische Stimmung.
Nein, die so oft in der Musik-Szene anzutreffenden, unechten Plastik-Gefühle haben keinen Platz im Werk des Paolo Nutini. Herzblütig legt er sich in jeden Song, entwickelt verschwungene, untereinander und miteinander korrespondierende Melodiebögen, befeuert von einem reichhaltigen Arsenal aus Instrumenten der altbewährten Musikerkiste.
Das Spiel mit Gestern ist nichts Verwerfliches - es kommt schließlich darauf an, was daraus entsteht. Und dieser junge Braveheart weiß nur zu gut, wie ein Song-Schwert siegreich zu führen ist.
Autor / Quelle: Arthur Schulz / laut.de