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Interviews

Muse: Der Widerstand lebt

Mit der 2006 veröffentlichten Platte "Black Holes and Revelations" gelang Matthew Bellamy, Christopher Wolstenholme und Dominic Howard noch einmal ein großer Sprung in künstlerischer wie kommerzieller Hinsicht. Vor allem die Liveshows von Muse sind längst legendär, das frisch wiedereröffnete Wembleystadion füllten sie gleich an zwei Abenden nacheinander.

Muse, Erik Weiss 2009Mit der 2006 veröffentlichten Platte "Black Holes and Revelations" gelang Matthew Bellamy, Christopher Wolstenholme und Dominic Howard noch einmal ein großer Sprung in künstlerischer wie kommerzieller Hinsicht. Vor allem die Liveshows von Muse sind längst legendär, das frisch wiedereröffnete Wembleystadion füllten sie gleich an zwei Abenden nacheinander.

Diesen Erfolg will das vor 15 Jahren an der Schule im englischen Devon gegründete Trio mit dem fünften Album „The Resistance“ nun ausbauen. Noch opulenter und noch hymnischer gehen die Erben von Bands wie Queen oder Rush diesmal zu Werke, am Ende wagen sie sich mit "Exogenesis" sogar an eine viertelstündige Piano-Symphonie. Doch jetzt ist erstmal Teatime. Bellamy, der 31 Jahre alte Songschreiber und Sänger, sitzt im Café einer recht noblen Hamburger Herberge, schaufelt sich ein Stück Käsekirschkuchen rein und trinkt dazu ein Tässchen Kamillentee. Sehr idyllisch, dieser Anblick, und sehr britisch.

Matt, du als alter Verschwörungstheoretiker: Ist Michael Jackson wirklich tot?

Matthew Bellamy: Ich denke, den Tod Jacksons würde nicht einmal ich leugnen wollen. Er hat diese ganzen Schmerz- und Narkosemittel in Verbindung mit dem gigantischen Stress und Druck nicht ausgehalten.

Was sind deine Drogen?

Matthew: Ich kann sehr schlecht entspannen und gar nicht gut abschalten. Mein Kopf arbeitet immer, und ich kann schlecht einschlafen. Deshalb nehme ich manchmal Melatonin. Ansonsten halte ich mich von Drogen fern, so etwas was wie Kokain würde mich nur noch hyperaktiver machen. Diese schöne Tasse Kamillentee ist eine sehr gute Droge für mich.

Muse, Erik Weiss 2009Du lebst seit einiger Zeit gemeinsam mit deiner Verlobten Gaia Pollani am Comer See in Italien. Auch habt ihr dort euer Studio, in dem ihr „The Resistance“ aufgenommen habt. Wie italienisch fühlst du dich inzwischen?

Matthew: Wenn du im Ausland lebst, dann tauchst du entweder sehr tief in deine neue Kultur ein. Oder es passiert das Gegenteil und du ziehst dich englisch an, isst englische Sachen und liest nur englische Zeitungen. Bei mir ist letzteres der Fall.

Wollt ihr in Italien bleiben?

Matthew: Nein. Wir haben uns ja auch in England kennengelernt, führten dann lange eine Fernbeziehung, bevor ich vor zwei Jahren zu ihr zog. Meine Freundin beendet in Mailand gerade ihr Studium, sobald sie fertig ist, wollen wir wieder nach England. Sie ist Psychologin, Spezialgebiet Sextherapie.

Im Ernst?

Matthew:  Im Ernst. Manche Unterhaltungen mit ihr sind nicht ganz ohne Komplikationen (lacht).

Wie kompliziert war denn die Arbeit an der neuen Platte?

Matthew: Erstaunlich unkompliziert. Zum ersten Mal haben wir alles selbst produziert, noch dazu im eigenen Studio, das in einer Art umgebauten Höhle liegt. Niemand war da, der unsere Musik verwässern konnte, das war sehr wohltuend. Die Aufnahmen zu  „Black Holes“ waren dagegen ein richtiger Kampf, der uns kreativ auslaugte. Diesmal ging es einfacher und schneller. Fast war es wieder so wie beim ersten Album: Die Ideen waren schon da, man musste nicht besonders tief nach Ideen graben. Wir hatten viel zu sagen.

Thematisierst du in  “I belong to you”  deine Beziehung?

Matthew: Zum einen das. Zum anderen aber auch die Liebesgeschichte des Paares in “1984”. Für die beiden ist Liebe die letzte Zuflucht, der letzte Ort der Freiheit, inmitten dieser totalitären Diktatur. Letztlich sage ich: Die Liebe ist unser Widerstand. Der letzte wirklich private Ort.

Auch die aktuelle Single „The Uprising“ handelt von einem Aufstand gegen Unterdrückung. War George Orwells berühmter Roman eure Inspirationsquelle für diese Platte?

Matthew: Ja! Das Buch habe ich gelesen, kurz bevor ich Anfang 2008 mit Songschreiben anfing. Es geht ziemlich konkret um die Situation in England, wo die Menschen nicht damit einverstanden sind, dass die Regierung ihnen immer stärker auf die Finger schaut, sie immer mehr überwacht und immer mehr ihrer Daten speichert.

Muse, Danny Clinch 2009Bist du ein Rebell?

Matthew: Zumindest bin ich ein Mensch mit gesundem Menscheverstand. Aber zugegeben, die Idee von Protest und Revolution gefällt mir. Ich habe in London noch eine kleine Wohnung in der Nähe der amerikanischen Botschaft, da sind eigentlich dauernd irgendwelche Demos. Und diese verdammten Polizisten treiben die Demonstranten wie Vieh in Ecken zusammen und lassen sie nicht wieder raus. Manchmal trifft es einfach Anwohner, die nach Hause wollen. Die werden dann sechs oder acht Stunden lang von dieser aggressiven Scheißpolizei als Geisel genommen, es ist wirklich unfassbar.

Täuscht der Eindruck, oder wendet ihr euch auf „The Resistance“ stärker der Popmusik zu?

Matthew: Dein Eindruck stimmt. „United States of Eurasia“ ist sehr groovig, das ist praktisch schon R&B, ohne Gitarre und ohne Piano. „The Uprising“ besteht fast nur aus Bass und Drumbeat. Diesmal haben wir mehr Musik zum Tanzen gemacht. Manche dieser neuen Stücke wären auch in einem Nachtclub gut aufgehoben.

So wie auch „Guiding Light“. Um wen geht es in dem Lied?

Matthew: Ich habe immer versucht, an Gott zu glauben, aber ich schaffe es nicht. Ich bin Atheist. Also singe ich auch da über meine Freundin. Ich selbst fand das erst komisch, aber in Italien finden sie das alle super, wenn die Liebste und die Familie in die Songs integriert wird. Familie ist in Italien wichtiger als alles andere. Mittlerweile kann ich das nachvollziehen. Familie bleibt. Während die Band ja irgendwann, vielleicht schon in einigen Jahren, Geschichte sein könnte. Ich weiß nicht, wie lange Muse frisch und aufregend genug sein werden. Wenn irgendwann die Luft raus ist, machen wir was anderes aus unserem Leben.

Wie wichtig ist es euch, sich nicht auf einen bestimmten Musikstil festzulegen?

Matthew: Das ist elementar. Wir waren immer schon ehrgeizig, und es fällt uns schwer, uns zu beschränken. Kann sein, dass unsere Platte schizophren ist. Aber mich erinnert sie an eine große Versammlung von Leuten auf der Straße, die alle ganz unterschiedlich sind, aber alle ihre Faust erheben und die Welt verändern wollen.

Was hast du dir bei der bombastischen Mini-Oper am Ende des Albums gedacht?

Matthew: „Exogenesis“ hat mit seinen scharfen Wendungen und seiner Dramatik schon wieder mit meinen Italien-Erfahrungen zu tun. In meiner Beziehung gibt es durchaus extreme Hochs und Tiefs, aber das scheint ganz normal zu sein bei Italienerinnen und Italienern. Unsere Auseinandersetzungen, unsere Leidenschaft fließt auch irgendwie in die Songs mit ein. Schon interessant, dieses Zusammenleben mit einer Frau.

Würdest du gern wieder allein leben?

Matthew: Nein, wenn du zuviel allein bist, wirst du verrückt. Falls du niemanden hast, mit dem du dich austauscht, dann merkst du gar nicht, dass du allmählich wahnsinnig bist. Schon daher ist es hilfreich, mit Menschen zu leben. Meine Freundin passt sehr gut auf mich auf.

Du wurdest von der Frauenzeitschrift “Cosmopolitan” zum “Sexiest Man in Rockmusic” gewählt. Wie das?

Matthew: Wenn ich das wüsste. Scheinbar sind kleine, unscheinbare Männer der neue Trend (lacht). Oder aber unsere Fans sind dermaßen verblendet, dass sie für alles abstimmen, was mit uns zu tun.

Steffen Rüth

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