Paolo Nutini

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15.06.2010
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14.06.2010
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"Gegessen wird zuhause"

Paolo Nutini 2009Paolo Nutini: Gegessen wird Zuhause

Weniger glamorös könnten die Umstände unseres Treffens kaum sein. Paolo Giovanni Nutini, 22, sitzt früh am Morgen unrasiert, mit allenfalls halb geöffneten Augen und Schlabberklamotten in einem durchsichtigen Glaszimmer, das seiner Plattenfirma als kleiner Konferenzraum dient.

Der Schotte mit der satten Soulstimme, der mit seinem drei Jahre alten Debüt „These Streets“ und Singles wie „Last Request“ für mächtig Aufsehen sorgte, wird den ganzen Tag damit verbringen, über sein zweites Album „Sunny Side Up“ zu sprechen. Da kann frühzeitige Nahrung nicht schaden: Mit seiner Plastikgabel stochert Paolo in einem Rührei mit Speck und Kartoffeln herum, das aussieht, als habe er es nach seiner Landung in Hamburg aus dem Flugzeug mitgebracht.

Schmeckt’s dir?

Paolo Nutini: Ich habe schon besser gefrühstückt. Das ist ein ziemlicher Matsch, schwer zu sagen, wo Ei aufhört und Kartoffel anfängt. Aber wenigstens ist der Kaffee schön heiß.

Dein Vater ist Inhaber des Fish’n’Chips-Restaurants „The Castelvecchi“ in der schottischen Kleinstadt Paisley. Kulinarisch müsstest du also abgehärtet sein.

Paolo: Sag’ sowas nicht (lacht). Dads Essen ist sehr, sehr lecker. Fish’n’Chips ist zwar Fastfood, okay, das muss ich zugeben, aber die Unterschiede sind trotzdem riesig.

Paolo Nutini 2009Worauf kommt es denn an bei der Zubereitung?

Paolo: Auf die richtige Frittierung. Die Kruste darf nicht weich sein, aber auch nicht angebrannt. Das hinzubekommen, ist genauso schwer wie ein perfektes Steak zu braten.

Dein Urgroßvater ist 1914 aus der Toskana nach Schottland ausgewandert und hat später die Fisch- und-Frittenbude aufgemacht. Warum kein italienisches Restaurant?

Paolo: Es gibt in Schottland schon ziemlich viele Italiener, die Konkurrenz ist hart. Dazu kommt, dass Fish’n’Chips einfach angesagter sind als Nudeln oder Pizza. Du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wie viele der Fischbuden von italienischen Einwanderern geführt werden. Es gibt sowieso echt eine Menge Schotten, die von Italienerin abstammen. Fast alle sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekommen, als Italien bettelarm war.

Paolo Nutini 2009Kannst du eigentlich auch Fish’n’Chips zubereiten?

Paolo: Und ob. Gar nicht schlecht, Mann, gar nicht schlecht. (er stellt sein halbgegessenes Frühstück zur Seite).

Wie hast du deine Liebe zur Musik entdeckt?

Paolo: Durch meinen Opa Giovanni. Er war die einzige musikinteressierte Person in meiner Familie und hat mir beigebracht, wie man Klavier und Gitarre spielt. Ohne Opa wäre ich jetzt nicht hier. Zu schade, dass er nicht mehr miterleben kann, wie ich singe. Er starb, als ich 12 war.

War dein Vater eigentlich sehr enttäuscht, dass du der Fritten-Familientradition abtrünnig gebworden bist?

Paolo: Als ich 15 war, hat er die Hoffnung aufgegeben. Denn seitdem weiß ich, dass ich lieber singen als frittieren möchte. Ich habe immer schon wahnsinnig gerne gesungen, und mit 15 dann habe ich bei einem Schulkontert mitgemacht und wurde gleich von einem Musikmanager entdeckt. Ich habe viele kleine Konzerte gespielt und war Roadie bei einer schottischen Band namens Speedway. Mit deren Schlagzeuger, der inzwischen mein Schlagzeuger ist, habe ich angefangen, Songs zu schreiben.

Wann war dir klar, dass Musik dein Beruf ist?

Paolo: Relativ spät. Da wir Nutinis bodenständige Leute sind, habe ich erst die Schule fertiggemacht, bevor ich mit 18 einen Plattenvertrag unterschrieb und nach London zog.

Paolo Nutini Foto 2009Wo du dich nie so richtig wohl gefühlt hast?

Paolo: Nein. Ich habe London gehasst. Ich kam dorthin, kannte keinen Menschen und hatte ziemliche Angst. Ich war ja gerade erst 18 und bin ziemlich behütet aufgewachsen  Dann sah ich all diese vielen Menschen, denen es nicht gut ging, und ich fühlte mich traurig und einsam. ‚These Streets’, das Titelstück von meinem ersten Album, handelt genau von diesem Gefühl, durch eine fremde Stadt zu laufen und dich einfach nicht wohl zu fühlen. Nach und nach habe ich dann zum Glück Freunde gefunden und habe mich getraut, etwas mehr aus mir raus zu gehen.

Trotzdem bist du aber wieder zurück nach Paisley gezogen, oder?

Paolo: Ja, vor zwei Jahren habe ich ein Haus in meiner Heimatstadt gebaut. Das fühlte sich einfach richtig an für mich. Tut mir leid, dass ich dir nicht mit einem wilden, ungezügelten Rockstarleben dienen kann. Ich bin einfach ein ziemlich unspektakulärer Kerl.

Wohnst du alleine in dem Haus?

Paolo: Nein, ich lebe zusammen mit Teri, meiner Freundin. Wir sind jetzt schon seit sieben Jahren zusammen, mit einer kurzen Unterbrechung.

Was für eine Unterbrechung denn?

Paolo: Naja, als ich 18 war und das alles losging mit dem Erfolg, da bin ich mal kurz übergeschnappt. Mein Song „Jenny don’t be hasty“ vom ersten Album handelt von dieser Geschichte. Ich hatte mich in ein etwas älteres Mädchen verknallt und ihr gesagt, ich sei schon 22. Das lief dann auch drei Wochen ganz gut mit ihr, doch dann fans sie heraus, wie alt ich wirklich war. Sie hat mich fallen gelassen wie eine nasse Socke. Danke, Teri, dass du mich zurückgenommen hast (lacht). Seitdem bin ich übrigens der treueste Junge der Welt.

Das heißt, du widerstehst den vielen Versuchungen auf Tour?

Paolo: Das fällt mir leicht. Ich bin kein Aufreißer, sondern ein Familienmensch. Hör’ dir doch nur mal mein Lied „Simple Things“ an. Das ist mein Glaubensbekenntnis. Ich singe dort über meine Eltern. Mein Vater ist ein ehrlicher, hart arbeitender Mann, der seine Frau, also meine Mutter, über alles liebt. Er hat alles was er braucht, er ist glücklich. Meine Eltern sind absolute Vorbilder für mich. Deshalb merke ich auch genau, wann ich aufpassen muss, dass mein Leben nicht zu Rock’n’Roll-mäßig wird.

Besteht denn des öfteren die Gefahr?

Paolo: Eigentlich überhaupt nicht. Am Anfang kamen zu meinen Shows ständig irgendwelche Modelagenten, ein Typ von dieser „Elite“-Modelagentur versuchte mich sogar an drei Abenden hintereinander zu überreden, doch einen Vertrag mit ihm abzuschließen. Aber das wollte ich nicht, keine Ahnung, aber das bin einfach nicht ich selbst. Ich bin Songschreiber und Musiker, kein Model.

Hast du dir deshalb die Haare abgeschnitten und zwischendurch einen Bart wachsen lassen, damit dich die Modelscouts in Ruhe lassen?

Paolo: Auch. Und um älter zu wirken. Ich fand das anstrengend, in der Öffentlichkeit immer als dieses kleine, putzige Wunderkind zu gelten. Ich will nicht, dass die Leute meine Songs hören, weil sie mich niedlich finden.

Du bist anfangs häufig mit James Blunt verglichen worden...

Paolo:...was verständlich ist. Wir machen beide klassischen Gitarrenpop mit Melodien. Und wir sind beide gelangweilt gewesen von diesen ganzen Jungsbands, die alle gleich klingen, und die du nicht auseinanderhalten kannst. Ich denke aber, dass James Blunt, James Morrison und ich musikalisch leicht zu unterscheiden sind.

Das stimmt. Gerade auf der neuen Platte klingst du wie ein alter Haudegen. „Ten out of ten“ erinnert an Bob Marley, „Coming up easy“ an Soullegenden wie Sam Cooke, „Pencil full of Lead“ ist richtiger Jazz.

Paolo: Ich kann ja nichts dafür, dass ich scheinbar aussehe wie ein Teenieschwarm. Wenn jetzt 60 Jahre alte Männer zu meinen Konzerten kommen, dann ist mir das sehr recht. Ich liebe den Soul aus den 60ern und zeitlose Musikstile wie Reggae oder Bluegrass. Ich glaube auch, dass ich unheimlich viel dazugelernt habe in den letzten drei Jahren. Ich war mit den Rolling Stones auf Tour, und sie haben mir gezeigt, dass man auch noch sehr viel Leidenschaft für Musik haben kann, wenn man alt ist. Keith und Ron Wood diskutieren echt jeden Abend über irgendwelche Akkorde, da habe ich am liebsten nur zugehört und gestaunt.

Findet deine Plattenfirma „Sunny Side Up“ nicht vielleicht einen Tick zu anspruchsvoll?

Paolo: Hmm, heikles Thema. Die Firma hält die neuen Songs für nicht gut vermarktbar. Die denken, ich hätte einen zu großen Sprung gemacht, verglichen mit der ersten Platte. Aber die Songs auf „These Streets“ habe ich mit 16 oder 17 geschrieben, die auf „Sunny Side Up“ mit Anfang 20. Wenn du in dieser Phase keinen großen Sprung machst, wann dann?

Von welchem erfahrenen Musiker hast du das meiste gelernt?

Paolo: Von Ben E. King. Weißt du, der hat Mann, der „Stand by me“ gesungen hat. Wir waren zusammen auf einem Festival, und ich hatte an dem Abend einen ziemlich heftigen Streit mit Teri. Ich weiß nicht mehr worum es ging, aber Ben bekam alles mit und sagte nach der Show zu mir „Paolo, sei ein Mann. Gib nach. Die Frau hat immer recht.“

Steffen Rüth

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